Im März 2025, 3 Monate nach dem Eingriff, konnte ich zum ersten Mal meinen linken Mundwinkel
anheben. Ein paar Monate später entstand zum ersten Mal ein Lächeln. Es ist für mich manchmal
immer noch etwas surreal, denn mir wurde ein Lächeln geschenkt. Auf dieses bin ich ziemlich stolz.
Es ist ein Teil unserer Kommunikation. Noch bevor jemand etwas sagt, verarbeitet unser Gehirn die
Mimik des Gegenübers. Dabei achtet unser Gehirn auf kleine Veränderungen woraufhin meist schon
ein kurzer Blick reicht, um zu erkennen, ob die Person glücklich, traurig, unsicher, nervös oder
entspannt ist. Ein freundliches Lächeln kann ein Gespräch sofort angenehmer wirken lassen,
wohingegen ein ernster Blick Distanz oder sogar Nervosität bei uns hervorrufen kann. Mimik begleitet
uns Menschen deshalb in so ziemlich jeder sozialen Situation.
Gerade weil diese Art der Kommunikation so selbstverständlich in unseren Alltag integriert ist, fällt
sie den meisten nicht richtig auf. Sie gehört einfach unterbewusst zu unseren Gesprächen dazu, da
Mimik unser Gesagtes unterstützt. Wenn jemand sagt, dass alles in Ordnung ist, währenddessen aber
traurig aussieht, erkennt man eine Art Fassade. Wir benutzen Wörter als solche, denn wir können
unsere Sätze je nach Belieben anpassen, ohne dass sie eine wirkliche emotionale Bedeutung für uns
haben. Unsere Mimik hingegen zeigt überwiegend, wenn auch versteckt, was wir wirklich fühlen und
sagt mehr als Wörter es tun können.
Schon als Babys lernen wir verschiedene Gesichtsausdrücke zu lesen und darauf entsprechend zu
reagieren. Doch genau deshalb fällt es besonders auf, wenn die Mimik plötzlich nicht so aussieht und
sich nicht so verhält wie man selbst oder andere es gewohnt sind. Wenn das vermeintlich
Selbstverständliche nicht mehr so selbstverständlich ist wie es immer zu scheinen mag.
Menschen, die mit einer Fazialisparese, also einer Gesichtslähmung, geboren wurden erfahren ihr
Leben lang Situationen, in denen ihre Mimik fehlinterpretiert und missverstanden wird. Bei einer
Gesichtslähmung ist der Gesichtsnerv (Nervus Facialis), welcher für die Mimik verantwortlich ist,
meist auf einer Gesichtshälfte gelähmt.
Ich bin eine Betroffene. Ich wurde mit einer peripheren Gesichtslähmung auf der linken Gesichtshälfte
geboren. Als Kind bekam ich viele Therapien, die mich jedoch nie „heilen“ konnten. Für mich gehörte
diese Krankheit deshalb schon immer zu meinem Leben dazu und ich kannte mein Gesicht gar nicht
anders. Klar, als ich älter wurde, habe ich mich schon selbst hinterfragt, da es mich in gewisser Weise
auch geformt und psychisch belastet hat. Als Kind hatte ich es aber nie so richtig verstanden und auch
die Reaktionen der anderen waren für mich nicht begreiflich, aber man lernt damit umzugehen und
genau solche Situationen machen einen stärker, als man glaubt.
Wenn ein Gesichtsausdruck anders aussieht, entstehen Missverständnisse. Als betroffene Person
möchte man seine Emotionen zeigen, aber kann es nicht. Man fühlt sich komisch oder anders. Je
größer das Bewusstsein dessen wird, desto unwohler fühlt man sich in seinem Körper. Dieses
Unwohlsein hat mich damals zu der Frage geführt: Wie sehr definieren wir Menschen eigentlich über
ihr Aussehen?
Früher hatte ich eine ganz einfache Antwort darauf: Wenn man anders aussieht und nicht in die Norm
passt, dann gilt man als unattraktiv und wird anders behandelt. Stichwort: Pretty Privilege. Der Begriff
beschreibt, dass Menschen, die als besonders attraktiv wahrgenommen werden oft positiver
eingeschätzt werden. Sie werden als freundlich, kompetent und sympathisch angesehen, schon bevor
sie überhaupt etwas gesagt haben. Das passiert meist unterbewusst.
Ein Lächeln zeigt dem Gegenüber Offenheit und Freundlichkeit. Wer also häufig lächelt, wirkt
kontaktfreudiger. Wenn das Lächeln aber anders aussieht als gewohnt, dann wird es meist
fehlinterpretiert. Sie wirken desinteressiert oder vielleicht sogar zu ernst. Aus meiner eigenen
Erfahrung kann ich sagen, dass Personen mit einer Gesichtslähmung in der Öffentlichkeit häufig dazu
neigen, nicht zu sehr zu lächeln, da das unsymmetrische Gesicht einem selbst dadurch als noch
merkwürdiger vorkommt.
Mit der Zeit habe ich jedoch gemerkt, dass die Antwort auf meine Frage doch nicht so einfach ist. Der
erste Eindruck ist nicht immer das, was am Ende zählt. Die eigene Persönlichkeit, der Humor und die
Art, wie jemand mit anderen umgeht, zählt viel mehr als der visuelle erste Eindruck. Es braucht etwas
Zeit, um so etwas Wertvolles über sein Gegenüber zu entdecken und viele Menschen versuchen es erst
gar nicht, aber daraus können wundervolle Freundschaften entstehen.
Diese Erkenntnis hat auch meine eigene Perspektive verändert. Früher habe ich mich dafür geschämt
und mich unwohl dabei gefühlt, wenn ich neue Personen kennenlernte. Heute sehe ich es als einen Teil
von mir, der mich zu dem Menschen gemacht hat, der ich jetzt bin.
Diesen Menschen habe ich heute sehr gern.
Ein wichtiger Schritt für mich war eine Operation im Dezember 2024. Diese Operation umfasste einen
Gracilis Transfer. Es wird ein Muskel aus dem Oberschenkel (Musculus Gracilis) in das Gesicht
transplantiert. Dieser Muskel wird an einen Kaumuskel und die Anschlussstellen am Mundwinkel
verbunden. Das ermöglicht ein Lächeln während des Zubeißens, wobei das Gehirn mit der Zeit die
Verknüpfung zwischen dem Zubeißen und dem Lächeln bricht. Daraus kann ein „freieres“ Lächeln mit
offenem Mund entstehen.
Die Zeit direkt nach der Operation war nicht meine schönste, aber umso mehr hat sie sich für mein
jetziges Leben gelohnt. Neben dem neuen Lächeln hat sich auch meine Aussprache verändert. Diese
wurde mit der Zeit klarer und gab mir somit mehr Selbstvertrauen.
Vielleicht erzählt ein Lächeln nie die ganze Geschichte eines Menschen, aber meines erzählt mir jeden
Tag ein kleines Stück meiner eigenen.
Hinweis: Falls dich Themen wie Selbstzweifel, Unsicherheiten oder psychische Belastung stark
beschäftigen, gibt es Menschen, mit denen du darüber sprechen kannst. Falls du keine
Vertrauensperson hast, kannst du die Telefonseelsorge anonym und kostenlos unter 0800 1110111 oder
116 123 erreichen.
Lina B.