Aufwachsen im Feindbild

Wie Kinder im Nahostkonflikt zu Trägern des Hasses werden

Seit Jahrzehnten bestimmt der Konflikt zwischen Israel und Palästina das Leben von Millionen Menschen.
Direkt nach der Gründung des Staates Israel griffen mehrere Nachbarstaaten das Land an und auch in
folgenden Jahrzehnten kam es zu mehreren Kriegen, zuletzt zum Krieg im Gazastreifen. Besonders
betroffen sind die Kinder, denn Kleinkinder sind die größte Bevölkerungsgruppe im Gazastreifen.1 Laut
UNICEF und den Vereinten Nationen sind seit der Eskalation am 7. Oktober 2023 über 65.000
Palästinenser gestorben und über 150.000 verletzt worden, die Infrastruktur, die Gesundheits-, Trinkwasserund
Stromversorgung ist größtenteils kaputt.2
Vor kurzem konnte ein Waffenstillstand durch den US-Präsidenten Donald Trump ausgehandelt werden, der
am 10. Oktober 2025 in Kraft trat3. Diese Nachricht erfreute die Menschen auf beiden Seiten. Die Familien
und Freunde der Geiseln wollten sie endlich in die Arme schließen und auch die Menschen in Gaza konnte
man auf Social Media Plattformen wie X jubeln sehen. Diese Entwicklung machte vielen Menschen seit
Langem wieder Hoffnung auf dauerhaften Frieden und ein Ende des Sterbens. Aber bald darauf
beschuldigten sich beide Seiten, den Waffenstillstand gebrochen zu haben. Laut örtlichen Krankenhäusern
sind über 100 Palästinenser gestorben, darunter auch viele Kinder und Jugendliche.4
Für die Menschen in Gaza gehören Zerstörung, Tod und Verlust der Liebsten zur täglichen Erinnerung5.
Psychologen nennen das ein kollektives Trauma6. Dieser Begriff beschreibt die psychische und soziale
Wunde, die eine ganze Gesellschaft erleidet, wenn sie wiederholt durch Krieg, Vertreibung oder
Diskriminierung betroffen ist. Diese Emotionen werden unbewusst weitergegeben. Kinder übernehmen die
Sichtweisen ihrer Eltern und Lehrer, sie hören Geschichten von Ungerechtigkeit, Vertreibung und Tod, und
aus diesen Geschichten entsteht ein Weltbild, in dem die andere Seite oft als Feind gesehen wird.
Auch auf israelischer Seite beeinflusst der Konflikt den Alltag vieler Kinder. In den Grenzstädten zu Gaza
gehören Raketenalarm, Bunkerübungen und starke Militärpräsenz seit Jahren zum Alltag. Hier entsteht früh
ein Gefühl, bedroht zu sein. In extrem religiös-zionistischen oder nationalistischen Siedlungsgebieten wird
dieses Gefühl manchmal ideologisch verstärkt. In Dokumentationen wie The Settlers sieht man, wie Kinder
dort in der Überzeugung erzogen werden, dass das Land ihnen von Gott versprochen wurde und jede
politische Kompromissbereitschaft ein Verrat sei, weshalb die Vertreibung der Palästinenser als Ziel
gesehen wird. 7
Auf palästinensischer Seite kursieren Videos und Bilder, in denen Kinder und Jugendliche in Uniformen
den Umgang mit Waffen üben, um sich angeblich gegen die „Besatzer“ verteidigen zu können.8 Auf beiden
Seiten entstehen Bilder, die sich gegenseitig bestätigen. Die Angst der einen wird zum Beweis für die
Aggression der anderen.

Hier haben vor allem die Medien großen Einfluss darauf, wie Kinder und Jugendliche heute den Konflikt
wahrnehmen. In israelischen Social Media Kanälen wird häufig betont, dass das Land sich verteidigen
müsse, um zu überleben. Die Hamas wird als große Bedrohung dargestellt, was bei vielen Menschen das
Gefühl verstärkt, ständig in Gefahr zu sein. So entsteht ein starkes Bewusstsein dafür, dass „wir“ Opfer sind
und „sie alle“ uns vernichten wollen. Zum Beispiel sagte auch die ehemalige Hamas Geisel Mia Shem, dass
es keine unschuldigen Zivilisten in Gaza gibt 9. Das ist eine extreme Sichtweise, die nicht die Realität
widerspiegelt. Solche Worte kommen zwar aus tiefer Verletzlichkeit, sie ändern aber die öffentliche
Wahrnehmung in Israel, und einige entwickeln das Gefühl, als seien alle Palästinenser böse.
In palästinensischen Medien dagegen sieht man oft Bilder von zerstörten Häusern, verletzten Familien und
toten Kindern. Diese Darstellungen zeigen das Leid der eigenen Bevölkerung und verstärken das Gefühl,
Israel sei allein für ihr Unglück verantwortlich.
Dadurch verlieren beide Seiten die Möglichkeit, die andere Seite als Menschen zu sehen. In der
Wahrnehmung mancher Betroffener kann das eigene Leid so überwältigend erscheinen, dass sie glauben,
die andere Seite habe dasselbe Leid verdient. Dieses Gefühl entsteht aus Traumatisierung und der
ständigen Konfrontation mit Feindbildern und nicht aus einer objektiven Einschätzung der Realität.
So entsteht ein Teufelskreis, der mit jeder neuen Eskalation schlimmer wird.
Der Krieg, der das Ziel verfolgt, die terroristische Organisation Hamas, deren Ideologie das Existenzrecht
Israels ablehnt, zu beseitigen, wird hierbei angesichts der Brutalität des Vorgehens und der vielen zivilen
Opfer überschattet und bewirkt das Gegenteil.
Langfristig hat dieser Krieg Folgen, die weit über die Zerstörung hinausgehen. Die Bildungseinrichtungen
in Gaza liegen in Trümmern10. Kinder wachsen ohne regelmäßigen Unterricht auf und sie können ihre
Ausbildung und ihr Studium nicht fortsetzen. Ohne Bildung, ohne Sicherheit und ohne Perspektive steigt
leider weiter die Gefahr, dass neue Generationen empfänglicher werden für extreme Ideologien.
Beide Gesellschaften leben in einem ständigen Alarmzustand, der wenig Raum für Empathie für die andere
Seite und ihr Leid lässt. Ob Frieden jemals gelernt werden kann, hängt davon ab, ob es gelingt, diesen
Kreislauf von Hass und Feindbildern zu durchbrechen. Die Kinder auf beiden Seiten wachsen in Angst auf
und lernen von klein auf, den anderen als gefährlich zu sehen. Es gibt bereits gemeinsame Schulprojekte
und Programme, wie etwa das israelisch-palästinensische Netzwerk Parents Circle, in dem Familien, die
Angehörige verloren haben, gemeinsam über Versöhnung sprechen und dies als Basis für Frieden sehen.11
Doch solche Ansätze sind selten. Bis dahin bleibt Hass nicht nur ein Erbe der Vergangenheit, sondern auch
eine Herausforderung für die Zukunft. Eine Zweistaatenlösung bleibt somit ein langer und schwieriger
Prozess. Sie erfordert politische Kompromisse, gegenseitiges Vertrauen, Geduld und Nachsicht, um
letzendlich einen friedlichen Umgang miteinander zu ermöglichen.