Es ist 6:00 Uhr morgens. Ich werde vom lauten Klingeln eines Weckers gestört. Gestern war ich
noch in der Handtasche einer alten Dame. Sie sagte oft, dass ich ihr letzter sei. Ich wusste nicht
was sie meinte. Ich habe sie begleitet beim Sammeln von Pfanddosen und sah sie des Öfteren
weinen, wenn sie Briefe öffnete. Es standen wohl sehr gemeine Sachen darin, über die größeren
Scheine. Dabei hatte sie diese nie bei sich.
Heute stecke ich in einem Umschlag. Rechts von mir stehen die Worte: „Alles Gute zum
Geburtstag, mein Enkel. Du bist mein Großer.“
Links daneben lese ich: „Ich liebe dich- Deine Omi.“
Ich höre immer noch den Wecker, dann Schritte, dann geht die Tür auf.
„Aufstehen, du kommst zu spät zur Schule!“ Im nächsten Moment verstummt der Wecker mit
einem lauten Stöhnen, und ich höre Bewegung im Zimmer.
Das Licht geht an, und gegen 6:15 Uhr erblicke ich endlich das Tageslicht. Es ist ein junger Mann.
Er trennt mich von den Worten, wirft sie zu den anderen und steckt mich in seine Jackentasche.
Der Umschlag war warm, und jetzt ist alles kalt. Eingeengt zwischen Kopfhörern und Zigaretten
spüre ich Angst. Auf der Zigarettenschachtel steht mein Name, also blicke ich hinein. Sie ist leer.
Gegen 7:30 Uhr wird auch sie herausgenommen. Sie landet in einem gleichen großen Loch, wo
auch die Karte landete, und im nächsten Moment erwischt die Hand mich. Ich bin in einer
Tankstelle, und ehe ich mich versehe, liege ich auf dem Tresen neben einer neuen Schachtel
Zigaretten. Ich sehe gerade noch, wie der Junge sie einsteckt, doch er lässt mich zurück. Dann ist
wieder alles duster.
Hat er mich wirklich gegen etwas Stinkendes und Tödliches eingetauscht? Bin ich etwa noch
weniger wert? Ich fühle mich irgendwie nicht wohl an diesem Ort. Unter mir liegen noch 20 andere
von mir, und hinter den Wänden, das weiß ich, liegen die großen Scheine. Hier verbringe ich
jedoch nur etwa 10 Minuten.
Mit einem lauten Öffnen der Kasse blendet mich wieder Tageslicht. Eine Hand greift nach mir,
warm und ungeduldig. Es ist dieselbe, die mich hineingepackt hatte. Ich werde über den Tresen
gereicht, zusammen mit einer Quittung und ein paar kleinen Münzen.
„Danke, schönen Tag noch“, sagt eine Stimme. Und schon wechsle ich wieder meinen Besitzer.
Gegen 8:00 Uhr steckt er mich schnell zusammen mit den Münzen in seine hintere Hosentasche.
Es tut weh, und die Münzen engen mich ein. Ich spüre, wie ich zerknittere. Doch ich bin immer
noch stolz auf mein rotes Kleid aus Zahlen, Linien und Sicherheitsfäden, die meinen Wert
ausmachen. Es ist nämlich nicht das Papier, was mich ausmacht, sondern das, was man für mich
bekommt. Diese Eigenschaft nennt man Kaufkraft, wie ich einst von einem großen, muskulösen
Mann im Anzug lernte.
Ich war stolz darauf, dass man mich brauchte, dass ich essenziell bin für ein gutes Leben. Ich
selbst bringe den Menschen keine Freude, nur die Dinge, die sie für mich bekommen. Irgendwann
verstand ich dann: Ich existiere nur, um benutzt zu werden.
Gegen 9:00 Uhr. Die Sitzheizung brennt, der Motor ist laut. Dann… Stille. Eine Tür fällt zu, und ich
bin zu Hause bei diesem Mann. Es riecht streng, und ich merke, wie er die Hose auszieht. Die
Münzen fallen heraus, und endlich kann ich wieder frei atmen. Doch es ist nur von kurzer Dauer.
Mit einem Mal wird es nass, und alles dreht sich im Kreis. Es dauert etwa eine Stunde, dann
nimmt er die Hose heraus, trennt mich von ihr und steckt mich in eine andere Tasche, diesmal
einer neuen Hose.
Um 10:15 Uhr klingelt es an der Tür, und er geht hin. Eine tiefe Stimme sagt: „Ein Gramm, 10 €.“
Er tauscht mich gegen eine kleine, stinkende Tüte wo eine verwelkte kleine Pflanze drinnen ist. So
wechsle ich wieder meinen Besitzer. Ich lande in einem Rucksack. Mich schauen lachende, bunte
Gesichter an, es riecht wie bei dem Mann im Haus, und es liegen viele kleine Kapseln mit weißem
Pulver zwischen bunten Scheinen.
Inmitten des Ganzen liege ich nun, müde und kaputt. Warum tauschte er mich gegen eine
stinkende kleine Blüte, die ihn glücklich machte? Kann ich denn wirklich kein Glück hervorrufen?
Gegen 11:30 Uhr höre ich Sirenen. Sie kommen immer näher. Der Rucksack wackelt stark, dann
werden die Sirenen leiser. Danach wieder Stille.
Ein riesiger Schatten bedeckt den Rucksack, und ich höre, wie eine schwere Tür sich öffnet.
„Drei Gramm wie immer?“ fragt der Kerl, dem der Rucksack gehört. Eine andere männliche
Stimme antwortet: „Drei Gramm wie immer.“
Der Reißverschluss öffnet sich, und er greift nach drei Kapseln mit weißem Pulver. War es ein
Bäcker? Brauchte er Mehl?
„Kannst du wechseln?“ fragt die Stimme an der Tür. „Ja“, antwortet der Kerl, dessen Hand gerade
noch im Rucksack steckt.
„Mach hinne, ich bin ein viel beschäftigter Mann und will nicht mit dir gesehen werden“, sagt der
andere genervt.
Ich werde wieder genommen und wechsle erneut den Besitzer, zusammen mit ein paar anderen
Scheinen und drei Mehl gefüllten Kapseln.
Etwa 12:00 Uhr. Hat er mich jetzt wirklich gegen größere Scheine getauscht? Bin ich etwa weniger
wert, obwohl sie auch nur Papier sind? Schnell merke ich, dass es kein Bäcker war, sondern ein
Geschäftsmann. Er hat ein riesiges Haus, und seine Frau ist sehr hübsch. Er wirkte sehr zittrig,
gestresst und dann nahm er mich aus der Innenseite des Anzugs heraus. Erst glättete er mich
grob, dann rollte er mich auf. Sowas habe ich noch nie gefühlt. Ich wurde für etwas anderes
benutzt als ein Kaufgeschäft. Ich fühle mich wie Teil etwas Illegalem. Ich fühle mich schuldig. Es
schmeckt bitter.
Kurz darauf ruft er zu seiner Frau: „Schatz, ich muss noch schnell los, den Laden zumachen.“
Die Frau schaut ihn enttäuscht an, schüttelt den Kopf, antwortet aber nicht. Ich sehe, wie sie
alleine isst, und kurz vor dem Verlassen des Hauses, wie sie anfängt zu weinen.
War das meine Schuld? Zieht der Mann mich etwa seiner Frau und gemeinsamer Zeit vor? Ich bin
doch nur ein Stück Papier.
Gegen 18:00 Uhr. Eine Tür klappt zu, und ein lauter Motor springt an. Es dauert nicht lange, dann
sind wir da. Ein riesiges Verkaufsgebäude, ein Luxusladen. Ein anderer Mann steht an der Kasse.
Ich will nicht wieder in die Kasse, ich habe schon zu viel Zeit darin verbracht.
Der Geschäftsmann fragt: „Lief alles gut?“
Der Kassierer antwortet: „Ja, war viel los. Wir haben 20.000 € eingenommen.“
Der Geschäftsmann sieht glücklich aus und überreicht ihm mich und zwei andere von meiner Art.
„Den Rest kriegst du ein anderes Mal“ fügte er bei. Der Mann hinter der Kasse sieht enttäuscht
aus. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der traurig war, wenn er mich bekam.
Dieses Mal wechsle ich zum letzten Mal für heute den Besitzer. Er trägt mich in seinem
Portemonnaie nach Hause, und ich lausche seinen Selbstgesprächen.
„30 € für neun Stunden Arbeit“, sagt er leise. „Der reiche Sack macht sich die Taschen voll.“
Ich höre, wie er anfängt zu weinen und währenddessen sagt: „Wie soll ich meine Familie ernähren,
wenn ich nur so wenig verdiene?“. Ich sehe auf seinem Ausweis, er kommt aus einem anderen
Land. „Vielleicht hätten wir nicht flüchten dürfen, vielleicht wäre dann alles besser gewesen“ sagte
er mit einem von sich selber enttäuschten Unterton.
Es ist 21:30 Uhr.
Es ist an der Zeit, mich hinzulegen. Morgen, das weiß ich, wird wieder ein langer Tag werden.
Ich habe endlich genug Platz und das Portemonnaie fast ganz für mich allein. Für einen Moment
ist es still. Kein Rascheln, kein Gedränge, kein hektisches Greifen nach mir. Nur Dunkelheit, und
die Erinnerung an all die Hände, durch die ich heute gegangen bin. Ich bin stolz und zugleich
angeekelt.
Ich denke an die Oma, die mich ihrem Enkel schenkte,
an das gehetzte Atmen des Mannes, der rannte,
an den Geschäftsmann, der mich seiner Frau vorzog,
und an den Mann, der alles für mich tut, um seine Familie zu ernähren.
Dabei bin ich doch nur Papier. Bedruckt. Ersetzbar. Und trotzdem… so mächtig.
Manchmal frage ich mich:
Warum wollen mich alle? Doch wenn man mich hat, will man mich loswerden.
Warum kämpft ihr um mich, spart mich, versteckt mich, verliert mich, jagt mir nach? Jagt ihr mir
oder dem scheinhaften Glück nach? Glück, liegt in wichtigeren Dingen, das habe ich heute
gelernt. Es ist meine Bestimmung. Ich bin nur ein Mittel zum Zweck. Ich bin kein Glück.
Ich bin nur ein Stück Papier mit Farbe,
doch ich kann Freundschaften zerstören, Träume wahr machen, Menschen verändern.
Und bin wohl leider doch das Wichtigste für viele, obwohl das Glück in anderen Dingen liegt.
Vielleicht ist es an der Zeit, nachzudenken:
Diene ich euch, oder dient ihr mir
Unbekannt